Der psychopathische Manager

Der psychopathische Manager hat sich seit den 1990er Jahren einen prominenten Platz erobert – zumindest als Figur in populärwissenschaftlichen Ratgebern wie „Working with Monsters“, „Snakes in Suits“ und „Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage“.[1] Auch psychiatrische und betriebspsychologische Studien stellen seit einigen Jahren unter dem Stichwort „Corporate Psychopathy“ Verbindungen zwischen der Psychopathologie des Psychopathen und dem auf Flexibilität ausgerichteten beruflichen Profil des Managers her.[2] Auch Medien wie nytimes.com, theguardian.com, Süddeutsche.de und Der Spiegel richten ihre Aufmerksamkeit auf die Figur des psychopathischen Managers.[3]

Die Psychopathologie des Psychopathen ist offenbar besonders anschlussfähig an die flexible Berufsgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts. Der Psychopath erfüllt scheinbar alle Erwartungen, die an den flexiblen Menschen gestellt werden. So heißt es in der deutschen Übersetzung des Ratgebers „Snakes in Suits“ von 2006, Psychopathen hätten „typischerweise keine realistischen langfristigen Karriere- oder Lebensziele.“ Ihre berufliche Laufbahn bestünde aus einer Reihe „zusammenhangloser, willkürlich ausgewählter Jobs.“[4] Zu den karrieredienlichen Eigenschaften von Psychopathen werden neben Flexibilität auch (oberflächlicher) Charme und emotionslose Entscheidungskompetenz gezählt. Und dennoch bleiben die Ratgeber, Studien und Medienbeiträge in der Bewertung des psychopathischen Managers ambivalent: Die Figur changiert zwischen einem individuellen/beruflichen Erfolgsmodell und einem Risikofaktor für Unternehmen und ihrem Humankapitalbestand. So wird die Hyperflexibiltät des psychopathischen Managers auf drei Ebenen als Problem wahrgenommen. 1. Als Problem der Intransparenz: Die potentiell gefährliche Persönlichkeit des psychopathischen Managers ist nahezu perfekt getarnt durch eine Maske aus Charme. 2. Als Problem der Normalität: Die pathologische Flexibilität ist nur schwer von der ‚normalen‘ Flexibilität des flexiblen Menschen zu unterscheiden. 3. Als strukturelles Problem: In den unübersichtlichen Unternehmensstrukturen der flexiblen Berufsgesellschaft lassen sich Psychopathen kaum lokalisieren.

Diese Problemlagen wurden gegen Ende der 2000er Jahre noch einmal besonders herausgestellt. Auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer epistemischen Karriere wurde die Figur des psychopathischen Managers zum Verantwortlichen der Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise erklärt.[5]

 Malte Bachem

___________________________________________

[1] Paul Babiak, Robert D. Hare: Snakes in Suits. When Psychopaths Go to Work, New York 2006 (auf Deutsch erschienen als: Paul Babiak, Robert D. Hare: Menschenschinder oder Manager. Psychopathen bei der Arbeit, München 2007.); John Clarke: Working With Monsters. How to Identify and Protect Yourself from the Workplace Psychopath, Sydney 2005; Gerhard Dammann: Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage. Fallbeispiele und Lösungswege für ein wirksames Management, Bern/Stuttgart/Wien 2007.
[2] Für einen Blick über das Forschungsfeld: Sarah Francis Smith, Scott O. Lilienfeld: Psychopathy in the workplace. The knowns and unknowns, in: Aggression and Violent Behavior, Vol. 18/2013, Heft 2, S.204-218.
[3] Michael Steinberger: Psychopathic C.E.O.’s, in: nytimes.com, 12.12.2004, http://www.nytimes.com/2004/12/12/magazine/12PSYCHO.html Steven Morris: One in 25 business leaders may be a psychopath, study finds, in: theguardian.com, 01.11.2011, http://www.theguardian.com/science/2011/sep/01/psychopath-workplace-jobs-study; Barbara Galaktionow: Achtung, gefährlicher Kollege, in: Süddeutsche.de, 9.12.2011. http://sz.de/1.1228936; Frank Thadeusz: Raubtiere ohne Ketten, in: Der Spiegel, 15.04.2013, S. 110-113.
[4] Babiak, Hare: Menschenschinder oder Manager, S. 48.
[5] Vgl. Clive R. Boddy: The Corporate Psychopaths Theory of the Global Financial Crisis, in: Journal of Business Ethics, Vol. 102/2011, Heft 2, S. 255-259.

WP-Backgrounds Lite by InoPlugs Web Design and Juwelier Schönmann 1010 Wien