Der Streber

Der Streber ist eine unsympathische Figur,  das wissen Schülerinnen und Schüler in Deutschland. Wie sozial- und humanwissenschaftliche Studien zeigen, geht ihre Freude über gute Schulnoten – und damit über erfolgreich abgelegte Prüfungen – oft mit der Sorge einher, nun als Streber verschrien zu sein. Der pejorative Terminus verweist auf eine Person, die über ihren Büchern hockt anstatt gesellig zu sein, die den Klassenverband übertrumpft anstatt sich in ihn einzufügen. Folglich wird sie ausgegrenzt.

In historischer Perspektive stellt dieses Wortverständnis eine sachliche Verengung und eine normative Umkehrung dar. Der Terminus „Streber“, so Otto Ladendorf in seinem  „Historische[n] Schlagwörterbuch“ von 1906, „findet sich zunächst als farbloser oder gar lobender Ausdruck“. Seit den 1850er Jahren habe sich dieser aber „immer mehr zum abfälligen, ja verächtlichen Schlagwort für egoistische, karrieresüchtige Beamte und dann überhaupt für alle möglichen Beförderungs- und Einflußhascher“ entwickelt. Neuerdings finde das Schlagwort außerdem in der „Studenten- und Gymnasiastensprache“ Verwendung, wo man es nun „für jeden fleißigen Arbeiter gebraucht, auch wenn selbstsüchtige Motive fern liegen“ (Otto Ladendorf, Historisches Schlagwörterbuch. Ein Versuch, Straßburg/Berlin 1906, S. 304f.).

Diese semantischen Verschiebungen hängen auch – so das Forschungsprojekt von Nina Verheyen – mit der Geschichte des modernen Prüfwesens zusammen: In bürgerlichen Welten des frühen 19. Jahrhunderts war das Streben tatsächlich ein unbestritten positiver Wert, es wurde dabei allerdings nicht outputorientiert im Hinblick auf den Erfolg in Prüfungen und die daran gekoppelte Karriere verstanden, sondern inputorientiert als eine bestimmte Haltung, aus der heraus ein Mensch mit Freude tätig war. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts nahm die Bedeutung von Prüfungstechniken für Bildungs- und Berufsbiographien deutlich zu, und damit geriet das „Streben“ unter Verdacht. Denn der zielgerichtete Fließ konnte nun als Egoismus ausgelegt werden. In diesem Kontext entstand das moderne Diktum des „Strebers“ als einer Figur, deren Handeln übermäßig auf den Erfolg in Prüfungen ausgerichtet ist. Im Umgang mit den meritokratischen Anforderungen der Moderne verfehlt der Streber die richtige Balance, seine Leistungsorientierung ist daher Stärke und Schwäche zugleich.

Nina Verheyen

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