IQ

An kaum einem Begriff kreuzen und verdichten sich so zahlreiche Themen, Personen und Kontroversen der Geschichte der Psychologie sowie ihrer Anwendung im Alltag wie beim IQ, dem Intelligenzquotient:

Eine Zahl – für eine Person
Der IQ stellt einen Gipfelpunkt der Psychometrie dar: Eine Zahl soll eine bedeutsame Aussagekraft über die Leistungsfähigkeit eines Individuums haben. Es wirkt daher zuweilen wie eine Schicksalsbestimmung, welchen Wert der IQ einer Person annimmt. Er ist im Kern unveränderlich und soll eine hohe Prognosekraft für den schulischen und beruflichen Erfolg einer Person, zeitweilig sogar für ihr Sozialleben, haben.

Das Individuum und die Population
Der Wert des IQ schreibt dem Individuum eine Position in der Rangreihenfolge der Population zu. Indem jede Person einen IQ-Wert aufweist, können diese in ihrer Leistungsfähigkeit geordnet werden. Es gibt sogar nur einen individuellen Wert im Verhältnis zur Population, der nämlich zur Entwicklung des Tests sowie zur Kalibrierung der Messung nötig ist.

Das Normale und das Anormale
Mit der Psychometrie und insbesondere mit der Intelligenzforschung entsteht so zugleich eine neue Vorstellung und Wirkungsmächtigkeit des Normalen und des Anormalen. Die IQ-Werte der Population weisen eine glockenförmige Normalverteilung auf. Den Scheitelpunkt bildet der Durchschnitt der Population. An den Rändern beginnt das Anormale: diejenigen, welche einen besonders geringen oder besonders hohen Intelligenzquotienten aufweisen. In der Geschichte der Intelligenzmessung wurde eine unternormale Intelligenz (die so genannten „Minderintelligenten“) als Ursache zahlreicher sozialer Krisenphänomene betrachtet: alle Arten von Delinquenz (Kriminalität, Prostitution, Alkoholismus, Verwahrlosung) sollten ihren Grund in der (vererbten) geringen Intelligenz haben, wogegen die besonders Intelligenten wiederholt als wichtiger Faktor des Wohlstands einer Gesellschaft betrachtet wurden. Von hier führen Linien zur Geschichte der psychologischen Eugenik.

Evidenz und Streitfall
Die Geschichte der Intelligenzforschung weist eine erstaunlich schnelle und breite Anwendung in sehr verschiedenen gesellschaftlichen Feldern auf: im Militär, in Unternehmen, in Schulen, der Psychiatrie und vor Gericht wurden Intelligenztests verwendet. Dabei ist nach mehr als einem Jahrhundert Psychometrie vor kurzem die Frage erneut aufgeworfen worden, ob die Messung einer geistigen Leistungsfähigkeit überhaupt möglich ist.

Fast jeder kennt ihn – aber wenige kennen William Stern
Fast jeder kennt den Ausdruck IQ, aber nur wenige kennen ihren Erfinder: den deutschen Psychologen William Stern, in dessen Person sich selbst zahlreiche Linien der Geschichte der Psychologie kreuzen. Er war beteiligt an der Entstehung der Persönlichkeitspsychologie (differentielle Psychologie), der angewandten Psychologie (Psychotechnik), der Kindheitspsychologie, der Aussagenpsychologie vor Gericht. Er führte Eignungstests für Schulen und das Militär durch – und hoffte gleichwohl, dass die angewandte Psychologie sich nicht als eine neue Ingenieursdisziplin begreife. Eine Hoffnung, die sein Sohn, der Philosoph Günther Anders, ihm später als Naivität vorwarf.

Andreas Kaminski

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